1668 Aufstellung des Wallfahrtsbildes durch Johann Georg Seidenbusch und Beginn der Wallfahrt
1670-1673 Bau der ersten Wallfahrtskirche
1692 Gründung des Oratorianer-Stifts
1736-1746 Erbauung der Wallfahrtskirche durch Johann Michael Fischer aus Burglengenfeld
1751 Weihe der Kirche
1761 Vollendung des Turmbaus
1886 Auflösung des Oratorianer-Stifts; anschließend bis 1978 Betreuung der Wallfahrt durch die Benediktiner von Metten
1901-1903 Restaurierung
1933 Restaurierung
1983-1985 Restaurierung der Raumschale
1985-1986 Restaurierung der großen Altäre und der Kanzel
1991 Restaurierung der Orgel
1996-1997 Stabilisierung des Glockenstuhls
2009 Sicherung der Südfassade
Topografie
An der stark gekrümmten Dorfachse nimmt das ehem. Oratorianer-Stift mit Kirche, Stiftsgebäuden und Gärten eine Position an der Ostseite des Altortes ein. Die Nordgrenze (heute Bischof-Rudolf-Graber-Straße) verläuft in der Uraufnahme in gerader Linie, möglicherweise als Mauer oder Etter. Der Kirchenbau steht in Nordausrichtung auf einem bis zu 45 Meter aus der weiten Ebene herausgehobenen Höhenrücken und wirkt aufgrund ihrer Höhe und ihres Volumens landschaftsbeherrschend. Der heute als Parkplatz genutzt freie Platz westlich vor der Kirche ist auch dem einstigen Wallfahrerverkehr geschuldet.
Baugeschichte
1668 stellte Johann Georg Seidenbusch, seit 1667 Pfarrvikar in Aufhausen, eine aus dem Münchner Jesuitenkolleg stammende Marienfigur auf. Es handelt sich hierbei um eine von Herzog Wilhelm dem Frommen gestiftete Marienfigur, die Seidenbusch als Honorar für Malerarbeiten in München erhalten hatte und die als Gnadenbild rasch Verehrung genoss.
1670 fand die Grundsteinlegung zu einer ersten Kirche statt, die 1673 durch Weihbischof Graf von Wartenberg geweiht wurde. Sie war überwiegend aus Holz errichtet und zog durch das Gnadenbild bald eine Wallfahrt an sich. Die Erstausstattung förderte Kaiser Leopold I. 1692 gründete Seidenbusch das erste deutschsprachige Oratorianerkolleg, das bis 1886 hier bestand.
Eine neue Wallfahrtskirche wurde auf Initiative des Propstes Joseph Magg durch Johann Michael Fischer 1735 geplant und 1736 bis 1746 errichtet. Die Weihe erfolgte 1751, der Turm war jedoch noch 1761 unfertig. Die Kirche galt schon 1739 als eines der Hauptwerke des Architekten und zählt zu den bedeutendsten Kirchenbauten des Spätbarocks in Bayern. Außer Fischer ist erstaunlicherweise kein einziger am Bau beteiligter Bauhandwerker und Künstler namentlich bekannt. Es ist auch ungeklärt, ob der mit Fischer eng verbundene Cosmas Damian Asam auf die Gewölbemalerei Einfluss ausübte.
Der Bau von Kloster und Kirche erfreute sich höchster Förderung durch namhafte Spenden u. a. durch den bayerischen Kurfürsten Karl Albrecht oder die Fürsten Thurn und Taxis als kaiserliche Prinzipalkommissare in Regensburg. Die letzte umfangreiche Restaurierung fand 1980 bis 1986 statt; ein zunehmend schlechter Zustand führte seit 2010 zur Notwendigkeit der Sanierung der Kirche und des Dachwerks.
Beschreibung
Das Äußere. Die Grundform ist ein schlichter rechteckiger Außenbau mit Walmdach, und einem nördlichen Turm mit eingezogener Laternenzwiebelhaube. Die Südseite, auf Fernsicht berechnet, ist als leicht vor- und rückschwingender Prospekt ausgebildet.Durch schräggestellte Pilaster über hoher Sockelung wird sie dreiteilig gegliedert. Dem geschlossenen Längsbau ist von außen nicht zu entnehmen, daß ihm eine Folge zentralisierter Räume eingestellt ist. Johann Michael Fischer thematisiert hier die Verbindung von Lang- und Zentralbau in einer Variante zu Rott am Inn und den Münchner Kirchen St. Anna im Lehel und St. Michael in Berg am Laim.
Das Innere. Der Innenraum bildet ein zentrales unregelmäßiges Achteck, das sich in großen Arkadenbögen öffnet. In den Hauptrichtungen schließen rechtwinklige Räume an, in den Diagonalen polygonale doppelgeschossige Kapellen, woraus sich eine kontrastvolle Komposition selbstständiger Teilräume in einem Rechteckgehäuse ergibt.
Den Hauptraum umstellen stumpfwinklig gebrochene Pfeiler. Sie tragen im Wechsel gestelzte Korbbögen und schmale Rundbögen. Gewölbte Kappen leiten zum geschweiften Rand der Flachkuppel über. Eine Hängekuppel übergreift das annähernd quadratische, eingezogene Presbyterium. Die querrechteckigen Kapellen in der Querachse tragen Tonnenwölbungen. Raumbestimmend sind die diagonalen, lichterfüllten Nebenräume, die dem Grundriss nach Sechsecke mit einschwingender Rückwand bilden. Sie wirken hinter einer doppelgeschossigen, dünnwandigen Bogenstellung und vorgewölbter Emporenbrüstung wie Raumzylinder. Zugleich bilden sie spannungsvolle Akzente im deutlich gerichteten, zentralisierten Gesamtraum.
Die Form der hinter schmalen Achteckseiten quergestellten Kapellen paraphrasiert Fischer in der dreijochigen Vorhalle mit der darüber liegenden Empore. Das quadratische, mit einer flachen Kuppel überwölbte Eingangsjoch öffnet sich seitlich mit stark eingezogenen Arkadenpfeilerstellungen zu schmalen äußeren Jochen. Auf zwei Geschossebenen sind sie mit den westlichen Kapellenräumen verbunden. Die Raumgrenzen der Wallfahrtskirche bestehen nur zum geringen Teil aus geraden Wandflächen. Es dominiert ein System aus Pfeilerbogenstellungen und differenzierten Wölbungen.
Die sparsamen Stuckaturen setzen in Höhe der Kapitell- und Brüstungszone an; sie bestehen aus Bandelwerk mit pflanzlichen Motiven und vereinzelten Muschelformen, gelblich getönt, auf lichtgrauen und grünen Farbflächen.
Die Deckenbilder füllen die zentrale Flachkuppel und die Hängekuppeln der Anräume. Eingefasst werden sie von geschweiften Stuckumrandung über pendentivartig eingesetzten Bildmedaillons.
Wesentlich ist im Chor die Verherrlichung des Ordensgründers Philippus Neri. In Bildmedaillons werden Szenen aus dem Leben des Heiligen gezeigt. In den Kapellen erscheinen die vier lateinischen Kirchenväter und die Evangelisten.
Das Thema der Hauptkuppel ist daher die Stiftung und Erbauung der Kirche S. Maria ad neves in Rom (Maria Schnee, besser bekannt als Santa Maria Maggiore), mit ringförmig angeordneten Szenen.In einer an die Bildkompositionen Cosmas Damian Asams erinnernden, aus Treppen und Balustraden gebildeten Architektur ereignet sich die Vision des Patriziers Johannes, dem gesagt wird, dort eine Kirche zu bauen, wo er in der sommerlichen Stadt eine Schneefläche vorfände. Als Stifter hält er den Entwurfsplan der gelobten Kirche. Er begegnet dem sich aus demselben Grund nahenden Papst Liberius. Zu sehen ist in einer Landschaft die Prozession auf den Esquilin, einen der sieben Hügel Roms und Ort der ersten Maria geweihten Kirche.
Über den Bögen der Diagonalkapellen erscheinen in Ton-in-Ton-Malereien Darstellungen aus der Marienverehrung. Über der Orgel ist der übliche Platz einer Darstellung des psalmodierenden Königs David. In der Vorhalle erscheint die Opferung des Isaak. Die Pfeilernischen tragen Marienembleme.
Die Ausstattung. Für eine ländliche Kirche besitzt Maria Schnee eine ungewöhnlich reiche Ausstattung, die zum Teil aus der Gründungskirche des 17. Jahrhunderts stammt. Hinzu kommen kostbare Stiftungen namhafter Gönner des Ordens und der Wallfahrt.
Der Hochaltar ist barocker, im 18. Jahrhundert veränderter Säulenaufbau. Das schmal aufragende Zweisäulenretabel ist als Theaterarchitektur im Sinne des „theatrum sacrum“ inszeniert, zu dem als wesentlicher Bestandteil die Vorhangdraperie und die Herrlichkeit Gottes in der ergänzenden Malerei der Rückwand des Presbyteriums gehören. In der Strahlenglorie, einer Schnitzarbeit des Rokokos, steht das kleine Gnadenbild Unserer Lieben Frau, um 1580 in München gefertigt, zu dem sich die Wallfahrt bildete, flankiert von den Figuren der beiden Johannes Evangelist und Johannes Baptist. Im Auszug schwebt die Taube des Hl. Geistes, darüber steht der Kruzifixus, sodass sich eine Darstellung der Dreifaltigkeit ergibt.
In den Querflügeln stehen der Benediktus- und der Josephsaltar, Zweisäulenretabel des 17. Jahrhunderts, mit Gemälden des 18. Jahrhunderts, bei denen es sich um Stiftungen des Pfarrers zu Sallach von 1747 handelt.
In den nördlichen Diagonalkapellen befinden sich der Marien- und der Philippus Neri-Altar, die Bernhard von Pichelmair aus Augsburg 1696 stiftete. Sie stellen schöne Beispiele der besonders in der Oberpfalz verbreiteten geschnitzten barocken Akanthus-Altäre mit vollplastischen Putten dar. Der Marienaltar birgt ein Hauptwerk süddeutscher Frührenaissancemalerei, nämlich das Jörg Breu d. Ä. aus Augsburg zugeschriebene Gemälde mit der Darstellung der in offener Halle sitzenden Muttergottes, entstanden um 1512. Zur Zeit der Stiftung bereits wurde es als „ein gar hoch aestimiertes Kunstblatt“ gepriesen. Dargestellt ist die in einer offenen Halle mit seitlichen Landschaftsausblicken sitzende Muttergottes. Am Bildrand zurückgesetzt steht Joseph.Die nischenartig rahmende Architektur zeigt über Maria einen Ausschnitt aus der Himmelsglorie, im Vordergrund ein Engelskonzert. Die kühle Farbgebung ist auf Architektur und Landschaft vor blauem Himmel abgestimmt. Naturnah dargestellte Pflanzen und Stillleben stehen noch in spätmittelalterlicher Symbolik und verbinden sich mit dekorativen Motiven der frühen Renaissance in Architektur und Ornament. Die Vorlage des Gemäldes bildete eine vermutlich in Augsburg entstanden Zeichnung Albrecht Dürers von 1509. Das Gemälde gehört von seiner Herkunft unmittelbar in das künstlerische Umfeld der Fugger. Das Altarbild des Philippus-Neri-Altars, 1697 gestiftet von Reichshofrat Scheller aus Wien. zeigt den Heiligen und Ordensgründer als Patron der Sterbenden und Armen Seelen. Hier befindet sich der einzige erhaltene Wachsabguss der zerstörten Totenmaske des Heiligen, zu der eine kleine Büste gehört, die aus der Werkstatt des Alessandro Algardi in Rom stammt.
In den südlichen Diagonalkapellen stehen zwei Renaissance-Altäre, geweiht den Hll. Karl Borromäus und Franz von Sales. Es handelt sich ursprünglich um Stiftungen des Ferdinand von Wartenberg, dem Bruder Herzog Wilhelms V. von Bayern, um 1600 und wurden von Seidenbusch für die 1673 durch Bischof von Wartenberg geweihte erste Wallfahrtskirche erworben. Die Altarblätter stammen erst aus dem 18. Jahrhundert und wurden in bemalte Leinwandrahmen eingesetzt. Die Kanzel aus der Zeit um 1670 stammt angeblich aus St. Emmeram in Regensburg, ein mit Säulen verzierter, geschnitzter Korpus und Tafelbildern der Evangelisten.
Zu den Tafelgemälden in der Kirche gehört im Presbyterium die Darstellung der Mystischen Vermählung der hl. Katharina in Anwesenheit der Hll. Leopold und Wilhelm, in einem geschnitzten Renaissancerahmen der Zeit um 1600. Es handelt sich um die Kopie einer Darstellung des Malers Joachim von Sandrart von 1647, die sich im Kunsthistorischen Museum in Wien befindet. Zwei spätgotische Tafelbilder mit Verkündigung an Maria und der Geburt Christi sind wiederum Stiftungen des Bernhard Pichelmair aus Augsburg, 1696. Auf zwölf Ölbildern ist die Geschichte des Gnadenbildes aus München und der Wallfahrt in Aufhausen dargestellt. Georg Vischer aus Landshut schuf 1741 den Kreuzweg.
Unter den Holzfiguren befindet sich am Kuppelpfeiler eine Beweinungsgruppe aus der Mitte des Mitte 18. Jahrhunderts. Im Presbyterium hängen spätgotische Flachreliefs der Hll. Ottilie und Apollonia, die um 1520 im Umkreis des Meisters der Madonna aus Alteglofsheim (in der Schlosskapelle Alteglofsheim) entstanden. Eine bemerkenswerte Arbeit des frühen 17. Jahrhunderts ist Relief der Opferung Mariä in der Borromäuskapelle.
Der Orgelprospekt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts bezieht sich auf das Kuppelfresko darüber, ein höheres, konvexes Mittelfeld verbindet sich durch schmale Zwischenstreifen mit den beiden spornförmigen Seitenfeldern, alles mit reich profiliertem Gebälk. In der gleichen Zeit entstanden die Stuhlwangen. Aus der Gründungskirche von 1670 stammt das Gitter, das 1986 restauriert und ergänzt wurde.
Empfohlene Zitierweise:
Kath. Wallfahrtskirche Maria Schnee, publiziert am 14.02.2025, in: Monumenta – Denkmaldigital, URL: <https://www.monumenta.de/liste/detail/m/baudenkmaeler-138598-d-3-75-115-2> (Datum des Zugriffs)
Landratsamt Regensburg, Denkmalregistratur, Aufhausen
BÖSL Hans-Josef, Aufhausen. Wallfahrtskirche Maria Schnee, Aufhausen 1989
DEHIO Georg, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Bayern V; Regensburg und Oberpfalz, bearb. von Jolanda Drexler, Achim Hubel, Astrid Debold-Kritter, u. a., aktualisiert von Peter Morsbach und Achim Hubel, München/Berlin 22008, 56-59
DIE KUNSTDENKMÄLER VON OBERPFALZ UND REGENSBURG, Bd. 21: Bezirksamt Regensburg, bearb. von Felix Mader, München 1910, 27-35
LIEB Norbert, Johann Michael Fischer. Baumeister und Rauschöpfer im späten Barock Süddeutschlands. Mit Fotografien von Wolf-Christian von der Mülbe, Regensburg 1982, 77-80
SPECHT Hanna, Alessandro Algardi in Aufhausen (Große Kunst in kleinen Dörfern), Regensburg 2019
TRAPP Eugen, Kunsthistorische Beziehungen zwischen Bayern und Rom. Carl Amurath, Pietro Del Pó, Jakob Hermann und eine Neri-Büste von Bernini? In: MÖSENEDER Karl (Hg.), Bedeutung in den Bildern. Festschrift für Jörg Traeger zum 60. Geburtstag, Regensburg 2002, 455-475