10. Jh. Vorgängerbau
11./12. Jh. Neubau der heutigen Kirche samt Friedhofsmauer
1250/1500 Errichtung des Turms
18. Jh. Abbruch von Turm, Empore und Gewölbe; Neubau von Apsis und Chorbogen; Vergrößerung der Fenster; Einbau der Flachdecke; mögliche Erneuerung der Friedhofsmauer
1751 Altarbild von Martin Speer
Um 1770 neues Altarretabel von Joachim Anton Pfeffer (zugeschr.)
1834 Instandsetzung
19./20. Jahrhundert Erneuerung der Friedhofsmauer auf der Ostseite
1978/79 Restaurierung
Topografie
Die Katholische Nebenkirche St. Martin, die noch immer eng von der Friedhofsmauer umschlossen ist, steht im Zentrum des Altortes von Piesenkofen, wo sich an der Kreuzung zweier Altstraßen einst ein kleiner Marktplatz bildete. Eine Friedhofsmauer umschließt – wie wohl schon im Mittelalter – die Kirche sehr eng und lässt nur wenig Platz für Bestattungen. Auf der Karte der Uraufnahme von 1816 ist kein Friedhof gekennzeichnet, sodass Beisetzungen wohl in Obertraubling stattfanden.
Geschichte
Die Kirche ist einer der ältesten Sakralbauten in der Region; das Patrozinium Martin von Tours, der Schutzpatron des Frankenreiches, gehört zu den Urpatrozinien. Grabungen erbrachten einen ottonischen Vorgängerbau des 10. Jahrhunderts. Im 11./12. Jahrhundert erfolgte der Neubau, als dessen Auftraggeber wohl die hier ansässige Sippe der „Puosenchovener“ anzusehen ist. Sie treten im 12. Jahrhundert im Zusammenhang mit Rechtsgeschäften des Klosters St. Emmeram und des Damenstifts Obermünster in Regensburg auf. Als Filiale von Obertraubling gehörte Piesenkofen vom Hochmittelalter bis zur Säkularisation 1802 zum Reichsstift Obermünster in Regensburg.
Im heutigen Kirchenschiff ist die romanische Bausubstanz in großen Teilen erhalten. Hinweise auf das hohe Alter lieferte der bei einer Restaurierung 1978/79 wiederentdeckte Pietra-Rasa-Putz. In der Gotik gab es an der Südostecke, etwa am Standort der heutigen Sakristei, einen Turm. Es wurden Spuren einer frühgotischen Ausmalung aufgedeckt. Ursprünglich war St. Martin als romanische Saalkirche errichtet worden. Ein Flankenturm, die eingezogene, gestelzte und halbrunde Apsis sowie das Kirchenschiff mit zwei kreuzgratgewölbten Jochen und einer unterwölbten Westempore charakterisierten einst den altehrwürdigen Bau. Im 18. Jahrhundert fand eine barocke Umgestaltung statt. Dabei wurde der Turm abgebrochen, die Altarapsis samt Chorbogen erneuert, eine Flachdecke eingezogen und die Fenster vergrößert. Der Regensburger Maler Martin Speer lieferte 1751 das Altarbild, welches in das um 1770 entstandene und dem Prüfeninger Bildhauer Joachim Anton Pfeffer zugeschriebene Retabel übernommen wurde. 1834 ist eine weitere Instandsetzung belegt.
Die Friedhofsmauer. Die Anfänge der Friedhofsmauer dürften so alt sein wie die Kirche und im 12. Jahrhundert liegen. Im 18. Jahrhundert fand ihre Erneuerung statt, wofür auch die Formen der Pfeiler sprechen. Der in der Uraufnahme gekrümmte, heute gerade Verlauf der Mauer auf der Ostseite deutet auf eine Erneuerung im 19./20. Jahrhundert.
Beschreibung
Das Äußere. Die kleine Kirche wird von der alten Kirchhofmauer eng umschlossen. Die leicht eingezogene, gestelzte und halbrund schließende Apsis entspricht der romanischen Situation. Der First trägt über dem Altarraum einen blechbeschlagenen Dachreiter mit offener Laterne und Zwiebelhaube. Der Eingang liegt an der Westseite, die zweiachsige Langseite trägt eine aufgemalte rundbogige Sonnenuhr. Der Altar empfängt sein Licht von zwei seitlichen Fenstern, während die Apsisrundung (heute) unbefenstert ist. Anstelle des einstigen Flankenturms steht im Winkel zwischen Altarraum und Langhaus die Sakristei als eingeschossiger quergestellter Satteldachbau.
Das Innere.Im Innenraum steht dem schlichten Langhaus mit der profiliert abgesetzten Hohlkehle und den Deckenstuckrahmen die Altarapsis gegenüber, deren flaches Gewölbe einen geschweiften Stuckrahmen trägt.
Die Ausstattung. Umso wirkungsvoller kontrastiert mit den schmucklosen Wänden der Rokoko-Altar, ein überaus feines und elegantes Werk von hoher künstlerischer Qualität. Vor vier korinthischen Säulen stehen die Figuren der Hll. Katharina mit dem Rad und Barbara mit dem Turm. Zwei geschwungene Volutenspangen stützen den Altarauszug mit seinem geraden Gebälk. Der Auszug birgt das Halbfigurenrelief der Muttergottes mit dem Kind zwischen vier Engelsköpfen. Als Schöpfer des um 1770 entstandenen Retabels kommt der Prüfeninger Bildhauer Joachim Anton Pfeffer in Frage.
Von herausragender Qualität ist auch das 1751 von dem führenden Regensburger Meister Martin Speer gemalte und rechts unten signierte Altarbild. Es zeigt die Apotheose des hl. Martin, eine theatralisch-bewegte Darstellung, in der der Bischof von Tours auf einer Wolke kniet und zur Dreifaltigkeit emporblickt. Dass es sich um Martin handelt, zeigt die Miniaturszene der Mantelspende im rechten unteren Eck, in der auch die Künstlersignatur steht. Hinter den Altar führen zwei rundbogige Durchgänge mit schön geschnitzten Rocaillen und Vasenaufsätzen. Ein solch vorzügliches Werk konnte nur das Stift Obermünster oder ein wohlhabender Stifter hierherbringen.
Beachtenswert sind von der älteren Ausstattung die am Chorbogen hängende Rosenkranz-Madonna aus dem 17. Jahrhundert (die Jahreszahl darüber 1834 dokumentiert wohl eine Restaurierung). Rechts des Chorbogens ist eine Kreuzigungsgruppe aus der Zeit um 1500 mit Maria und Johannes auf zwei Ästen stehend, die dem Kreuzfuß entwachsen. Gegenüber steht die im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts entstandene Figur des hl. Martin mit dem Bettler.
Die Friedhofsmauer. Den Zugang zum Friedhof markieren zwei Pfeiler mit gestuften und zweibündigen Kämpfern und Pyramidendächlein.
Empfohlene Zitierweise:
Kath. Nebenkirche St. Martin, Herzog-Albrecht-Straße 18, Piesenkofen, publiziert am 02.04.2025, in: Monumenta – Denkmaldigital, URL: <https://www.monumenta.de/liste/detail/m/baudenkmaeler-47488-d-3-75-179-8> (Datum des Zugriffs)
Kunstinventar der Pfarrei Obertraubling, bearb. von Hermann Reidel und Friedrich Fuchs, Diözese Regensburg
DEHIO Georg, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Bayern V; Regensburg und Oberpfalz, bearb. von Jolanda Drexler, Achim Hubel, Astrid Debold-Kritter, u. a., aktualisiert von Peter Morsbach und Achim Hubel, München/Berlin 22008, 418
DIE KUNSTDENKMÄLER VON OBERPFALZ UND REGENSBURG, Bd. 20: Bezirksamt Stadtamhof, bearb. von Hans Karlinger, Georg Hager und Georg Lill, München 1914, 162
DOERFLER Heinrich, MAGERL Arnulf und MAYERHOFER Josef, Die Kirchen im Gemeindebereich Obertraubling, in: FENDL Josef (Hg.), Obertraubling. Beiträge zur Geschichte einer Stadtrandgemeinde, Regensburg 1982, 159-165
MORSBACH Peter, Kirchen der Pfarrei St. Georg Obertraubling (Schauplätze. Unterwegs in Bayerns Geschichte), Regensburg 2018, 18-23